Unter der Lupe

Gibson Southerner Jumbo

Von Wilhelm Henkes und Rudolph Blazer

Kaum war die Wirtschaftsrezession der Dreißiger Jahre mehr oder minder erfolgreich überstanden, sah sich Gibson, der mehrfach Krisen erschütterte und Krisen erprobte Erfolgshersteller, mit dem Beginn der Kriegsschrecken wiederum neuen existenziellen Bedrohungen gegenüberstehen. Durch die immer noch spürbare wirtschaftliche Schwäche strauchelten die in diesem Jahrzehnt erschaffenen Heroen des Gitarrenuniversums an den immer noch abgemagerten Geldbeutel der umworbenen Kundschaft, als, kaum war das neue Jahrzehnt angebrochen, zum Kriegseintritt der USA eine erneute Härteprüfung bevorstand.

Schon durch die Kriegsvorbereitungen war ein Großteil der Gibson Belegschaft mit der Herstellung von kriegsdienlichem Gerät beansprucht. Obendrein sorgte die Materialverknappung und Materialrationierung durch das War Department dafür, dass viele der Gibson-Instrumente schlicht weg nicht mehr gebaut werden konnten. Die gesamte Flattop Linie wurde gestoppt - aber durch eine andere wieder ersetzt. Dank dem Einsatz des engagierten Verkaufsleiters für den Südenwesten, Tom Peacock, entstand eine neue Medellreihe, vorn dran eine der besten Gibson Gitarren und dazu auch eines der schönsten Modelle, die Gibson je entworfen hat, die Southerner Jumbo oder als Kürzel: SJ.

Innerhalb dieser kurzen oder treffender gesagt langen vier Jahre bis Kriegsende musste zu jedem neuen Batch (Produktionseinheit von ca. 40 bis 60 Instrumenten) mit neuen Einschränkungen und Veränderungen gerechnet werden. Die Improvisationsfähigkeit Gibsons half nicht nur, die Krise zu überstehen, sondern hat solche Unterschiede in der Herstellung bewirkt, dass auch von einer höchst interessanten Vielfalt gesprochen werden könnte, Unterschiede in Materialien, Verarbeitung und Gestaltung. Dabei konnte es durchaus vorkommen, dass ältere, für frühere Instrumente vorgefertigte Bauteile nun alternativ und zweckdienlich zum alternativen Einsatz kamen.

1942 SJ
1943 SJ

Als besonders herausragende Gitarren haben sich die mit der Batch Nummer 910 hervorgetan, die erste Serie der Southern Jumbo, für die Palisander für Zargen und Boden verwendet wurde im Gegensatz zu den folgenden Baureihen mit Mahagoni als Standard. In Ausgabe 5/99 AG haben wir das Thema der Einführung der SJ und den ersten Exemplaren aus Palisander schon näher behandelt. Nach diesen ersten Prototypen musste für fast jeden Batch mit neuen Schwierigkeiten in Form von Materialengpässen gerechnet werden. Die verstellbaren Halsstäbe waren schon bei den ersten Serie weggefallen, die nächsten Veränderungen betraf das Holz: Mahagoni ausschließlich für Boden und Zargen, Pappel für die Klötze. Anfang 1943 ging offensichtlich das "gestreifte" Tortoise Zelluloid für die Schlagbretter alle und von einzelnen Ausnahmen abgesehen gab es nun das "gefleckte" Material. Die weiße Kappe am Halsfuß wurde eingespart. Nun schienen Mahagoni Bohlen für die Hälse als nächstes auszugehen, als Ersatz diente Ahorn zu drei oder gar auch fünf Teilen (inklusive eingeleimter Mittelstreifen aus Palisander) zusammengesetzt. In diesem Jahr sieht man meistens den typischen SJ-Steg mit der Wölbung nach unten aber auch den schmalen geraden, den Gibson schon vorher für einfachere Modelle verwendet hat. Als Mechaniken dienten nach wie vor Klusons, bis Kriegsende jedoch meistens als Einzelmechaniken. Im Verlauf des Jahres 1943 gingen noch zu guter letzt die Adirondack Fichtendecken aus, die letzten verfügbaren Stücke kamen noch als vierteilige Decken zum Einsatz. So prägen das Bild insgesamt schöne spiegelgleiche zweiteilige Decken aber auch ungleiche Hälften bis zu den Vierteiligen, allesamt aber gute Tonholzqualität. 1943 scheint das Jahr der ärgsten Engpässe gewesen zu sein, die Unterschiede und die Variationen von Exemplar zu Exemplar waren hier auch am größten. Noch hießen diese Gitarren laut Katalog Southerner Jumbo, mit der späteren Umbenennung in Southern Jumbo und dem Verkauf der maroden Firma an die CMI Gesellschaft im May 1944 stiegen mit den wirtschaftlichen Erfolgen ebenso die Kontinuität der Modellproduktion. Stahlstäbe und Mahagonihälse, Sitka Decken und massivere Bauweisen mit neuen Maschinen wurden Standard und läuteten die neue Generation ein.

 

1942 SJ (Belly Bridge, kein Halsstab, Klusons "drei auf dem Band") 1943 SJ (schmaler Steg, Halsstab, vierteilige Decke, dreiteiliger Ahorn Hals, Klusons einzeln) 1943 SJ (Belly Bridge, kein Halsstab, Mahagoni Hals, Klusons einzeln, Halsfußkappe)
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Gerne stilisiert man großartige Gitarren wie auch die frühen Southerner Jumbos hoch zu Meisterhaftem, und dies versucht man aus heutiger Sicht gerne in Perioden und Kategorien einzuteilen, also verwaltbar zu machen. Das könnte mit den Gibsons aus der damaligen Zeit dann vielleicht so aussehen: Die in der Gibson Fabrik verbliebenen Arbeitskräfte waren die Altgedienten, die Könner, die Vorarbeiter, die Magier. Ihr Produkt war infolgedessen unvergleichlich und einzigartig, die hohe Kunst, eben Magie. Also eine so gut wie die andere. Eine solche Sichtweise die Herstellung und deren Kontinuität betreffend würde den Southerner Jumbos aber nicht gerecht werden, Zeitdokumente wie etwa Fotos von der Belegschaft während des Krieges zeigen überraschend etwas anderes: sie zeigen Frauen - ihre Männer einberufen oder für die Herstellung von Kriegsgerät gebraucht. Die Situation, die Bedingungen und die Ergebnisse der Arbeit dieser Frauen zeigt sich deutlicher, versucht man sich in Zeit und Ort zurückzuversetzen. Da wird aus Meisterhaftem plötzlich ein Produkt aus ständiger Improvisation und von Verwertungsstrategie. Harte Arbeit von wackeren Frauen für einen arg angeschlagenen Hersteller. Zwar fällt hier ein Stück Illusion, aber dennoch, es bleibt etwas unvergleichliches und magisches. So wird das Gibson Banner "Only A Gibson Is Good Enough", ein unterhalb des Gibson Logos angebrachter Schriftzug, angesichts der Herstellungsschwankungen und Unwägbarkeiten zu einem vielleicht ironisch wirkenden Slogan, oder gerade deswegen sehr zutreffend, wie man eben will.

 

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